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Bald Knebelverträge bei den Franchisen? Drucken E-Mail
Versicherte mit hoher Franchise sollten die Krankenkasse zwei oder drei Jahre lang nicht wechseln dürfen. Solche Knebelverträge wurden in den beiden Kommissionen für Soziale Sicherheit und Gesundheit der eidgenössischen Räte allen Ernstes diskutiert. Damit würden ausgerechnet diejenigen, die bereit sind, mehr finanzielle Eigenverantwortung zu übernehmen, den Krankenkassen und ihren Prämienerhöhungen ausgeliefert.
Von Dr.rer.pol. Werner Widmer, Direktor Stiftung Diakoniewerk Neumünster, Schweizerische Pflegerinnenschule


Man stelle sich eine Firma vor, die ihren Kunden dreijährige Lieferverträge anbietet, in denen der Anfangspreis festgelegt ist und die der Firma das Recht einräumen, den Preis jeweils auf Jahresbeginn einseitig zu erhöhen. Solche Verträge schliesst kein Kunde freiwillig ab.
Genau solche Knebelverträge wurden aber in den beiden Kommissionen für Soziale Sicherheit und Gesundheit der eidgenössischen Räte allen Ernstes diskutiert: Versicherte mit hoher Franchise sollten die Krankenkasse zwei oder drei Jahre lang nicht wechseln dürfen. Damit würden ausgerechnet diejenigen, die bereit sind, mehr finanzielle Eigenverantwortung zu übernehmen, den Krankenkassen und ihren Prämienerhöhungen ausgeliefert. Nationalrat Pierre Triponez begründete die unreife Idee mit der kecken Behauptung, Versicherte mit hoher Franchise würden diese reduzieren, wenn sie wüssten, dass sie im nächsten Jahr eine grössere Operation vorhätten. Die Nachfrage der Journalistin Birgit Voigt von der NZZ am Sonntag bei Krankenversicherungen ergab allerdings den ernüchternden Befund, dass ein solches Wechselverhalten praktisch kaum vorkommt.
Wie einige andere Parlamentarier auch, lässt sich Pierre Triponez als Mitglied der so genannten "Groupe de réflexion santé" von der Krankenkasse Groupe Mutuel bezahlen. Etwas mehr Reflexion würde nicht schaden. Hier einige Denkanstösse:
Die Franchise ist derjenige Betrag, den wir pro Jahr selber bezahlen müssen, bevor die Krankenkasse die von uns nachgefragten Gesundheitsleistungen übernimmt. Die Franchise führt dazu, dass wir uns fragen, ob z.B. ein Arztbesuch oder ein Medikament nötig seien bzw. ob sie uns den geforderten Preis wert sind.
Die Franchise ermöglicht, dass wir uns nicht für Ausgaben versichern, die wir ohne Probleme aus dem eigenen Portemonnaie bezahlen könnten. Denn, eine Versicherung macht nur Sinn, wenn es um hohe Beträge geht, die unsere finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Die Mehrheit der Bevölkerung wählt denn auch eine Franchise, die über der gesetzlichen Mindestfranchise von 300 Franken pro Jahr liegt. Die vom Gesetz maximal erlaubte Franchise liegt bei 2500 Franken. Das sind nicht ganz sieben Franken pro Tag. Viele von uns könnten noch wesentlich mehr selber bezahlen, wenn wir einmal ernsthaft krank würden. Der enge gesetzliche Rahmen für die Wahlfranchise ist ein typisches Beispiel für die politische Gestaltung des Gesundheitswesens. Viele Politiker und Politikerinnen denken zu sehr an extreme Minderheiten, wenn sie Regeln festlegen. Solche Regeln engen den eigenverantwortlichen Spielraum, welcher der grossen Mehrheit der Bevölkerung zugestanden werden könnte, unnötigerweise ein. Damit wird die Bevölkerung immer unselbständiger, immer abhängiger vom System und das Ganze immer teurer. Wäre es nicht sinnvoller, die Regeln an den Möglichkeiten der Mehrheit zu orientieren und die Minderheit dann solidarisch zu unterstützen? «Réfléchissez!», forderte uns früher der Französischlehrer auf.
 
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