Dienstag, 7. August 2018

ACP: Der neue Weg zur Patientenverfügung

Autor: Rita-Lena Klein, zertifizierte ACP-Beraterin, SPO Patientenschutz | Kategorien: Aktuell, In eigener Sache, SPO Aktuell

Patientenverfügungen werden nicht so konsequent befolgt, wie es wünschenswert wäre. Mit «Advance Care Planning» (ACP) bietet die SPO eine erweiterte, begleitete Patientenverfügung an, die dem Patientenwillen besser gerecht wird.

Das Versprechen der Patientenverfügung (PV) ist klar: Mein Wille zählt – auch wenn ich ihn nicht mehr selbst äussern kann. Doch obwohl Patientenverfügungen seit 2013 rechtlich bindend sind, werden sie des Öfteren nicht befolgt. Ein Hauptgrund: Was in einer PV steht, ist nicht immer in medizinische Handlungsanweisungen übersetzbar, ja manchmal widersprüchlich. Notfallpfleger und Ärztinnen entscheiden dann doch unabhängig von der Verfügung. Das führt zu schwierigen Situationen, vor allem wenn Angehörige überzeugt sind, der oder die Betroffene hätte ein anderes Vorgehen gewünscht.

Zu sagen, die Patientenverfügung sei «gescheitert», ist aber übertrieben. Ich würde es so formulieren: Das Produkt Patientenverfügung hat wertvolle Dienste für die bessere Berücksichtigung des Patientenwillens geleistet. Der Praxistest hat aber auch seine Grenzen aufgezeigt. Nun ist ein revidiertes «Produkt» auf dem Markt, das die Schwächen der traditionellen PV nachweislich wettmachen kann. Diese verbesserte Patientenverfügung nennt sich Advance Care Planning (ACP).

Was ist anders bei Patientenverfügungen mit ACP-Beratung?

Die Verbesserungen liegen vor allem bei drei Punkten:

  • fachliche Begleitung: Eine ausführliche Wertediskussion ist fester Bestandteil der Beratung; die zertifizierten ACP-Berater/innen können komplexe medizinische Sachverhalte erläutern und auf Widersprüche hinweisen. So wird sichergestellt, dass Patient/innen ihre PV bestmöglich informiert erstellen und diese so formuliert ist, dass sie in ärztliche Handlungsanweisungen umsetzbar ist.
  • Präzision und Ausdifferenziertheit: Die ACP-Patientenverfügung unterscheidet zwischen drei Situationen der vorübergehenden oder bleibenden Urteilsunfähigkeit:
    – dem akuten Notfall, wie er jede/n von uns, ob 22 oder 99 Jahre alt, treffen kann
    – dem Zustand längerer Urteilsunfähigkeit mit unklarer Prognose
    – dem Zustand sicher dauerhafter Urteilsunfähigkeit.
    Für jede dieser Situationen werden separate Anordnungen festgelegt. Die Erstellung     einer – möglichst vom Hausarzt unterschriebenen – Ärztlichen Notfallanordnung (ÄNO) gewährleistet, dass auch im Falle eines akuten Notfalls die Patientenwünsche eher respektiert und umgesetzt werden.
  • Einbindung des Umfelds: Es wird eine rechtliche Vertretungsperson für den Fall der Urteilsunfähigkeit benannt. Idealerweise ist diese auch bei den Gesprächen anwesend. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Angehörige die Wünsche der betroffenen Person besser verstehen und umsetzen können und weniger traumatisiert zurückbleiben. Ziel: Alle relevanten Personen wissen im Fall einer Urteilsunfähigkeit Bescheid.

Auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen stimmen!

Dass Patientenverfügungen künftig besser befolgt werden, kann nicht allein mit guter Beratung und präzisen Formulierungen erreicht werden. Das Konzept «Patientenverfügung» muss koordiniert in das Ensemble der Institutionen und Fachpersonen im Gesundheitswesen eingebettet werden. Vorsorgeplanung muss auch auf der gesellschaftlichen Ebene stattfinden! Auch diesen Aspekt berücksichtigt das ACP-Konzept (vgl. unten).

Wir sind überzeugt: Die Verbesserungen durch den ACP-Ansatz führen dazu, dass der Patientenwille tatsächlich (und nicht nur auf dem Papier) zählt.

Sie haben Interesse an einer ACP-Beratung? Melden Sie sich bei Ihrer SPO-Beratungsstelle!

«Advance Care Planning»: Hintergrund

Die zwei Top-Wünsche der Menschen in der Schweiz, falls sie einmal unheilbar krank leben zu können. Dennoch sterben 40 Prozent von uns im Spital, und etlichen werden noch in den letzten Tagen komplizierte Operationen zugemutet. Da geht etwas nicht ganz auf – zumal 80 Prozent der Notfälle voraussehbar und damit planbar sind, gerade bei älteren und kranken Menschen. Statt 144 zu wählen, könnten Notfälle oft vor Ort gelöst und so dem Willen vieler Betroffener besser entsprochen werden.

Um die Patientenautonomie auch bei Urteilsunfähigkeit besser zu gewährleisten, wird ACP beispielsweise in den USA, Deutschland und Australien, bereits mehrere Jahre eingesetzt.Es gilt als Erfolgsmodell. In der Schweiz lancierte der Bundesrat 2015 das Projekt «Koordinierte Versorgung» mit dem Ziel «dass der Wille eines wohlinformierten Patienten (…) in Situationen des Notfalls und der länger andauernden oder dauerhaften Urteilsunfähigkeit die Behandlungsentscheidungen leitet». Anfang 2018 wurde ein nationales Rahmenkonzept mit Schwerpunkt ACP verabschiedet, das zur konkreten Umsetzung dieses Ziels beitragen soll.

Indem ACP dazu beiträgt, dass das soziale Umfeld und das ganze Betreuungsteam das Behandlungsziel eines Menschen kennen, entsteht ein «informed consent», so dass der Patient im Falle einer Urteilsunfähigkeit nach seinem mutmasslichen Willen behandelt wird. Das führt nicht zuletzt auch zu weniger Hospitalisationen am Lebensende. 



Weitere Beiträge unter: Aktuell, In eigener Sache, SPO Aktuell

Montag, 18. Februar 2019

Tag der Kranken am 3. März: Treffen Sie uns am Unispital Zürich!

Autor: Nadia Pernollet, Beraterin SPO Zürich | Kategorien: Aktuell, Veranstaltungen

Am 3. März 2019 wird mit Aktionen in der ganzen Schweiz der «Tag der Kranken» begangen. Treffen Sie die SPO an ihrem Stand am Universitätsspital Zürich!  Das dies­jährige Motto zum «Tag der Kranken» lautet «Wissen macht uns stark». Es soll die Bevölkerung dazu einladen, sich über die Themen Gesundheit, Krankheit und Beeinträchtigung auszutauschen; denn Wissen hilft […] weiter …

Mittwoch, 6. Februar 2019

Ärzte vor Strafgerichten: Warum sie meist freigesprochen werden

Autor: Stephan Bader, SPO Patientenschutz | Kategorien: Aktuell, Fälle aus der Praxis, Gesundheitspolitik, Publikationen, Themenhefte

  Anfang Januar 2019 berichtete «10vor10», dass zwei Ärzte eines Zürcher Spitals, in deren Obhut ein Patient nach einer Operation verstorben war, trotz Sorgfaltspflichtverletzungen vor Gericht freigesprochen wurden. Das ist typisch und hat Gründe. Es braucht eine Erleichterung der Beweislast – und ein unabhängiges Gutachtergremium. Das Strafverfahren ist bei Patientenfällen aber meist ohnehin nicht das […] weiter …

Dienstag, 29. Januar 2019

Medienspiegel Januar 2019: Grosse Präsenz von Patiententhemen

Autor: SPO Patientenschutz / Stephan Bader | Kategorien: Aktuell

Der Januar 2019 bescherte der SPO aus verschiedenen Gründen zahlreiche Medienanfragen – denn patientenbezogene Themen machten wiederholt Schlagzeilen: Im Ständerat hätte um ein Haar der Vorschlag eine Mehrheit gefunden, eine privatrechtliche Organisation zur Qualitätssicherung im Gesundheitswesen einzusetzen, ohne dass Patienten- und Versichertenvertreter dabei mitreden sollten: ein Affront.  Ein Zürcher Strafgericht sprach Ärzte frei, unter deren […] weiter …

Donnerstag, 10. Januar 2019

ACP/«Patientenverfügung Plus»: NEU auch in St. Gallen!

Autor: SPO Patientenschutz / sb | Kategorien: Aktuell, In eigener Sache

  SPO Patientenschutz bietet die «Patientenverfügung Plus» seit Dezember 2018 auch in der Beratungsstelle St. Gallen an. Unter der kompetenten Begleitung einer Fachberaterin halten Sie Ihre Werte und Vorstellungen so fest, dass diese im Notfall und am Lebensende in konkrete medizinische Entscheidungen umsetzbar sind. In der gemeinsamen Arbeit entsteht so eine «Patientenverfügung Plus», mit der […] weiter …

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?

Autor: Susanne Hochuli, Präsidentin SPO Patientenschutz | Kategorien: Aktuell

Was wünschen Sie sich zu Weihnachten? Ob ein Velo, kiloweise Pralinés oder einfach etwas Zeit mit Ihren Liebsten: Möge es in Erfüllung gehen. Das Massnahmenpäckli für das Gesundheitswesen, das ich mir als SPO-Präsidentin wünsche, passt leider nicht unter den Christbaum: zu gross, und mit der Lieferzeit ist es in diesem Bereich auch so eine Sache. […] weiter …