Donnerstag, 20. April 2017

Herausgabe der Krankengeschichte verweigert

Autor: Barbara Züst | Kategorien: Aktuell, Fälle aus der Praxis, Patientenschutz, weitere Fälle, Warum Patientenschutz

Immer wieder kommt es vor, dass Patienten zu Unrecht die Herausgabe ihrer Krankengeschichte verweigert wird. Es lohnt sich, dagegen zu intervenieren, wie ein Fall aus unserem Beratungsalltag zeigt.

Dario Langer (Name geändert) infizierte sich 2011 mit einem Krankheitserreger, weshalb er sich u. a. von einem Spezialarzt für Infektionskrank- heiten behandeln liess. Schon damals war Herr Langer nicht zufrieden mit dem persönlichen Verhalten dieses Arztes. Was folgte, war noch weniger erfreulich. Wegen versicherungsrechtlicher Fragen benötigte Herr Langer im Sommer 2016 seine damals erstellte Krankengeschichte und wandte sich deshalb telefonisch an den Spezialarzt, der ihn 2011 behandelt hatte.

Krankenakte nach fünf Jahren aufgelöst

Herr Langer war bass erstaunt, als der Arzt ihm mitteilte, dass die reguläre Aufbewahrungsfrist maximal fünf Jahre betrage und dass er die von ihm angefertigten elektronischen Notizen nicht herausgeben müsse. Nun wandte sich Herr Langer an die SPO und bat um Aufklärung über seine Rechte an der Krankengeschichte.

Wir konnten Herrn Langer bestätigen, dass gestützt auf mehrere Rechtsgrundlagen (Datenschutzgesetz, Auftragsrecht, Standesrecht, kantonale Gesundheits- und Patientengesetze) die behandelnde Gesundheitsfachperson verpflichtet ist, eine Krankengeschichte zu führen, in welcher sie Diagnose und Verlauf sorgfältig festhält. Diese Dokumentation soll auch die fachgerechte Weiterbehandlung sicherstellen. Im Weiteren haben wir Herrn Langer versichert, dass die Aufbewahrungsdauer zehn Jahre beträgt und die Herausgabe der Krankengeschichte innert 30 Tagen in aller Regel kostenlos zu erfolgen hat.

Auf unsere Empfehlung hin verlangte Herr Langer sein Patientendossier in einem zweiten Anlauf schriftlich vom eingangs erwähnten Arzt. Dieser retournierte Herrn Langers Schreiben umgehend mit dem handschriftlich ergänzten Hinweis, dass er die Akte aufgelöst habe.

Die gesetzlichen Vorgaben ignoriert

Im Auftrag von Herrn Langer wandten wir uns nun an den Arzt mit der nochmaligen Bitte um Herausgabe der Akten und um Bestätigung und Stellungnahme, falls die «Auflösung» der Krankengeschichte den Tatsachen entsprechen sollte.

Inzwischen nicht mehr sonderlich überrascht waren wir, als uns der Arzt telefonisch wissen liess, dass er die Patientendokumentation in Papierform nicht mehr aufbewahre und andererseits die elektronisch gespeicherten Notizen nur als Bericht zusammengefasst unter Verrechnung zulasten der Krankenkasse aushändigen werde.

Offensichtlich hielt sich der Arzt somit nicht nur bei Herrn Langer nicht an die gesetzlichen Vorgaben, sondern schien systematisch dagegen zu verstossen. Es machte den Eindruck, dass er den Unrechtsgehalt seines Vorgehens in keiner Weise erkannte oder erkennen wollte. Deshalb wandten wir uns zum Schutz weiterer allfällig betroffener Patienten an die zuständige Aufsichtsbehörde. Wir beantragten, die notwendigen Massnahmen zu ergreifen, um weitere Verletzungen der Aufbewahrungs- und Herausgabepflichten zu verhindern und um die den Patienten zustehenden Rechte effektiv zu gewährleisten. Dies entsprach auch dem Wunsch von Herrn Langer, der vor allem weitere Patienten vor demselben Problem bewahren wollte.

Klare Stellungnahme der Aufsichtsbehörde

Kurz darauf erhielten wir eine Kopie des Schreibens von der Aufsichtsbehörde, die den Arzt auf die gesetzlichen Bestimmungen hinwies, unter Androhung von disziplinarischen Massnahmen bei wiederholten Verstössen. Die Aufsichtsbehörde stellte zu den ärztlichen Notizen im Sinne von Sprechstundeneinträgen zudem klar, dass diese dem Patienten zur Einsicht vorzulegen und herauszugeben sind. Diese umfassen Einträge und Überlegungen zu einzelnen Konsultationen betreffend Befund, Verlauf und Behandlung. Für die Herausgabe dieser Personendaten in Form von Kopien dürfen keine Gebühren erhoben werden. Es sei denn, der Aufwand sei sehr hoch oder es seien bereits einmal kostenlose Kopien erstellt worden. Einzig Berichte, die nicht vom Arzt selbst, sondern von anderen Gesundheitsfachpersonen erstellt werden, stellen u. U. nicht zwingend Bestandteile der Krankengeschichte dar. Diese müssen nicht aufbewahrt werden, solange die für die Behandlung wichtigen Angaben in der Krankengeschichte festgehalten sind.

Fazit: Herr Langer hatte sich in der Zwischenzeit entschieden, auf die Herausgabe seiner Krankengeschichte zu verzichten, da wir ihm wenige andere Unterlagen bezüglich der damaligen Krankheit beschaffen konnten. Trotzdem war Herr Langer sehr zufrieden, dass wir für weitere Betroffene aktiv interveniert hatten.



Weitere Beiträge unter: Aktuell, Fälle aus der Praxis, Patientenschutz, weitere Fälle, Warum Patientenschutz

Freitag, 25. Mai 2018

Notfall im Spital – und keiner kommt

Autor: SPO Patientenschutz / Stephan Bader | Kategorien: Aktuell, Fälle aus der Praxis, Patientenschutz, weitere Fälle, Warum Patientenschutz

Kaum zu glauben: Eine Patientin liegt im Spitalbett – in einem grossen Schweizer Universitätsspital! – und hat starke Blutungen. Mehrfach drückt sie den Notfallknopf – aber niemand kommt. Verunsichert und immer noch blutend steht sie auf und sucht auf den Gängen um Hilfe, doch die Station scheint menschenleer. So muss die junge Frau aus dem […] weiter …

Samstag, 30. September 2017

Ein teures Bett

Autor: Sabine Hablützel, Beraterin SPO Zürich | Kategorien: Aktuell, Fälle aus der Praxis, Patientenschutz, weitere Fälle, SPO Aktuell

Weil einer Patientin nach einer Hallux-Operation anhaltend übel war, musste sie zur Beobachtung über Nacht im Spital bleiben. So wurde aus einem ambulanten ein stationärer Eingriff – mit erheblichen Kostenfolgen. Renata S. legte grossen Wert auf elegantes Schuhwerk – ist sie doch selbst in der Branche tätig. Anhaltende Beschwerden im rechten Vorfussbereich machten ihren vorwiegend […] weiter …

Mittwoch, 15. Juni 2016

Übereifriger Zahnarzt: Wer bezahlt?

Autor: Maggie Reuter | Kategorien: Aktuell, Fälle aus der Praxis, Patientenschutz, weitere Fälle

Ein unverschuldeter Velounfall stürzte die 54-jährige Kim Lee in immense Kosten. Weil sie der deutschen Sprache nicht mächtig ist, konnte sie das übereifrige Handeln des Zahnarztes sowie den Entscheid der Versicherung nicht beurteilen. Frau Lee (Name geändert) fuhr mit ihrem Fahrrad korrekt auf der Strasse, als ein Auto sie anfuhr. Sie erlitt Knie- und Handgelenksverletzungen. […] weiter …

Sonntag, 17. April 2016

Nach Motorradunfall: Getrennte Nerven und quälende Frage

Autor: Barbara Rocks | Kategorien: Aktuell, Fälle aus der Praxis, Patientenschutz, weitere Fälle

Zwei Jahre nach seinem schweren Motorradunfall wandte sich Daniel Z. an die Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz, da er seitens der Ärzte eine Unterlassung vermutete. Die Behandlung war abgeschlossen, sein Nerv im Oberschenkel würde durchtrennt bleiben. Doch die quälenden Fragen, auf die er Antworten suchte, waren noch da. Daniel Z. hatte im Oktober 2012 einen tragischen […] weiter …

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Privatklinik: Geburt in der Tiefgarage

Autor: SPO/SB | Kategorien: Aktuell, Fälle aus der Praxis, Patientenschutz, weitere Fälle

Nach mehreren Fehlentscheidungen bei einer bekannten Zürcher Privatklinik muss eine Mutter ihr Kind statt im gut betreut im Gebärsaal ganz allein in der Tiefgarage zur Welt bringen. Die Eltern sind traumatisiert, die Klinik will nichts falsch gemacht haben. Nach Komplikationen bei der Geburt ihres ersten Kindes wählen Silke und Federico Baici für die zweite Geburt die bekannte Zürcher Privatklinik Hirslanden […] weiter …