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Patientenwille

Aus der Praxis: Der Patientenwille geht vor 

Als Herr K. in ein Alterszentrum eintrat, bestand er darauf, seinen Lebensstil nicht ändern zu müssen. Dies und seine Weigerung, eine dringende Operation durchführen zu lassen, führten schliesslich zu seinem Tod. Gegen den Willen der Tochter haben die Ärzte damit – schweren Herzens – das Recht des Patienten auf Selbstbestimmung respektiert.

von JUDITH STRUPLER – Mit der Einführung des neuen Erwachsenenschutzrechts 2013 bekommt die Patientenverfügung und damit die Selbstbestimmung der Patient/innen nochmals eine zusätzliche Dimension. Es bedeutet, dass die behandelnden Ärzt/innen sich zwingend an die schriftlich gemachten Ausführungen halten müssen, ansonsten sie von den Angehörigen rechtlich belangt werden können. Es heisst aber auch umgekehrt, dass die Angehörigen akzeptieren müssen, was die Patientin oder der Patient schriftlich festgehalten hat und nicht im Nachhinein eigene Ansichten und Interessen durchsetzen dürfen, wenn sich die oder der Betroffene selbst nicht mehr äussern kann.

Physische Mobilität als entscheidende Lebensqualität

Herr K., Vater einer erwachsenen Tochter und eines im Ausland lebenden Sohnes, hat mit 72 Jahren seine Ehefrau verloren. Mehrere Jahre konnte er für sich selbst sorgen und lebte alleine im bisher gemeinsam geführten Haushalt. Nach einem Sturz in der Küche entschied er sich im Gespräch mit der Tochter und mit seinem Hausarzt, in das örtliche Alterszentrum einzutreten. Es fiel ihm nicht sehr schwer, da er seinen Hausarzt behalten konnte und auch schon einige seiner Bekannten im Alterszentrum wohnten.

Beim Eintritt ins Alterszentrum wurde er herzlich empfangen und bekam für die ersten Tage eine nur für ihn zuständige Pflegefachfrau an die Seite gestellt. Diese füllte mit ihm im Beisein seiner Tochter auch eine Patientenverfügung aus, die beim zuständigen Hausarzt und bei den Pflegenden des Alterszentrums hinterlegt wurde.

Darin hatte Herr K. festgehalten, dass er keine lebensverlängernde Massnahmen und Operationen mehr haben wolle, sollte er einmal nicht mehr auf seinen eigenen Füssen stehen können. Seine physische Mobilität war für Herrn K. gleichbedeutend mit Selbstbestimmung und die entscheidende Lebensqualität. Er hielt weiterhin fest, dass er weder künstlich ernährt, noch durch Apparate am Leben bleiben wolle, wenn er geistig nicht mehr klar entscheiden könne. Er wolle mit Schmerzmitteln nur soweit behandelt werden, dass er nicht leiden müsse.

Als stellvertretende Vertrauensperson für seinen Willen, setzte er die Tochter ein, die in seinem Sinne handeln und darauf achten solle, dass die Ärzt/innen und die Pflegenden seinem in der Patientenverfügung festgehaltenen Willen entsprechen, wenn er selbst sich nicht mehr klar äussern könne. Die Tochter unterzeichnete das Dokument ebenfalls und erklärte sich damit einverstanden.

Lebensnotwendige Amputation verweigert

Herr K. fühlte sich im Alterszentrum schnell zuhause. Er bestand darauf, seinen Lebensstil nicht verändern zu müssen. Er wollte weiterhin rauchen und seine täglichen Portionen Süssigkeiten konsumieren, was seiner Gesundheit nicht gerade zuträglich war.

Der betreuende Arzt und die Pflegenden führten mit Herrn K. eindringliche Gespräche, die er stets mit dem Ausspruch, «Ich will noch etwas vom Leben haben und wenn ich ein Jahr früher sterbe, so ist es mir das wert», kommentierte. Dieses Recht wurde ihm vom Arzt und den Pflegenden, wenn auch schweren Herzens, aber doch im Zeichen der Selbstbestimmung zugestanden.

Die Tochter von Herrn K. wusste ihren Vater gut aufgehoben und war mit ihrer eigenen Familie sehr beschäftigt, so dass die Besuche beim Vater immer seltener wurden. Herr K. kommentierte auch diesen «Umstand» mit Humor.

Bei einer gründlichen Untersuchung stellte der Hausarzt plötzlich fest, dass die grosse Zehen an den Füssen nicht mehr gut durchblutet waren. Da Herr K. niemandem gegenüber etwas erwähnte, war die Mangeldurchblutung schon ziemlich weit fortgeschritten. Nach einigem Zögern willigte er ein, zum genaueren Untersuch ins nahe gelegene Kantonsspital einzutreten. Leider musste ihm dort im Beisein der Tochter und des Hausarztes erklärt werden, dass nur noch eine Amputation der beiden grossen Zehen ein fortschreitendes Absterben der Füsse verhindern könne.

Herr K. weigerte sich, diese Operation ausführen zu lassen. Eindringlich wurde ihm vom Oberarzt der Verlauf erklärt, den diese Weigerung auslösen würde: Schmerzen und ein eventuelles Absterben seiner Unterschenkel. Herr K. äusserte sich klar, dass er wieder ins Alterszentrum zurückgehen wolle und mit Schmerzmittel behandelt werden wolle, solange es gehe. Obwohl die Tochter bei allen Gesprächen dabei war, wurde sie doch einige Wochen danach vom Telefon des Hausarztes überrascht, der sagte, Herr K. habe eine starke Infektion und Fieber. Aufgrund der Schmerzmittel, die er die letzten Wochen täglich einnehmen musste, blute er auch aus dem Darm und müsse notfallmässig operiert werden. Diesmal sei er mit einer Operation einverstanden.

Dem Recht des Patienten auf Selbstbestimmung entsprochen

Die Tochter eilte ins Krankenhaus und musste miterleben, dass ihrem Vater beide Füsse abgenommen werden mussten, da sich sonst die innere Vergiftung im ganzen Körper ausgebreitet hätte. Herr K. befand sich also in genau dem Zustand, den er in der Patientenverfügung als nicht mehr lebenswert bezeichnet hatte. Herr K. überstand die Operation, zeigte aber keinerlei Lebenswillen mehr, ass und trank kaum noch und starb zwei Wochen danach ruhig.

Nach der Beerdigung gelangte die Tochter an die SPO und bat um eine Abklärung über das Verhalten der Ärzte und der Pflegenden, die ihren Vater einfach sterben liessen, ohne ihn «mit sanftem Druck» auch gegen seinen Willen zu operieren. Sie sagte, der Vater habe sie als Stellvertreterin in der Patientenverfügung eingesetzt in und sie hätte bei rechtzeitiger Information ihren Vater schon «dahin gebracht», dass er bereits der ersten Operation zugestimmt hätte. Im Notfall hätte sie ihn auch dazu gezwungen, denn es wäre ja nur zu seinem Besten gewesen.

Die Beraterin der SPO führte nach eingehender Abklärung der Fakten und nach Einsichtnahme in die originale Patientenverfügung und die Pflegedokumentation verschiedene Gespräche mit dem betreuenden Arzt im Spital und dem Hausarzt. Sie kam zum Schluss, dass die Ärzt/innen und die Pflegenden völlig korrekt gehandelt haben. Sie haben dem Willen und dem Recht des Patienten auf Selbstbestimmung entsprochen. Die Stellvertreter-Funktion der Tochter, die in der Patientenverfügung festgelegt worden ist, kommt erst zum Zug, wenn der Patient selbst nicht mehr entscheiden kann.

Die Tochter sieht heute, nach dem ersten Schock über den schnellen Tod ihres Vaters ein, dass die betreuenden Ärzt/innen und die Pflegenden vollumfänglich dem Willen ihres Vaters entsprochen hatten und er, als ihm das Leben nicht mehr lebenswert schien, schliesslich ruhig sterben konnte. Es gelingt ihr damit auch leichter dem eigenen Gefühl, nicht genug getan zu haben, entgegen zu treten.