Mit 34 Jahren hatte eine junge Frau, wir nennen sie hier Magda*, ganz andere Pläne. Beruflich war viel los, die Familienplanung war ein Thema und eine chronische Krankheit war definitiv nicht auf ihrem Radar.
Als die Beschwerden begannen, dachte sie deshalb zunächst nicht an etwas Ernsthaftes. Seit einem halben Jahr litt sie immer wieder an leichten Durchfällen, die aber nach ein paar Tagen wieder vorbei waren. Sie schenkte dem keine Beachtung und dachte, dass es mit dem aktuellen Stress zusammenhängt und wieder vorbei geht. Nach einem Restaurantbesuch verschlechterte sich die Lage aber plötzlich. Sie litt unter starkem Durchfall, fühlte sich geschwächt und bekam Fieber. Dass mehr dahinterstecken könnte, erschien ihr zunächst unwahrscheinlich. Die Symptome passten für sie eher zu einer Lebensmittelvergiftung.
Doch die Beschwerden hielten an. Schliesslich musste sie ins Spital.
Dort stand zunächst nicht die Ursache im Vordergrund, sondern die Stabilisierung ihres Zustands. Die akuten Beschwerden wurden behandelt, weitere Untersuchungen waren erst später möglich. Nach dem Spitalaufenthalt stand ein erster Verdacht imRaum: Morbus Crohn.
Für Magda begann damit eine Zeit voller Fragen.
Wenn eine Diagnose nicht ins Leben passt
Rückblickend sagt sie, dass nicht die körperlichen Beschwerden die grösste Herausforderung waren. Viel schwieriger war die Vorstellung, dass es sich um eine chronische Erkrankung handeln und diese nicht heilbar sein könnte. In diesem Lebensabschnitt denkt man an vieles: an Beruf, Familienplanung und gemeinsame Zukunftsträume. Aber nicht daran, dass eine Krankheit plötzlich dauerhaft Teil des eigenen Lebens werden und man nichts dagegen unternehmen könnte.
«Ich wollte das nicht akzeptieren», erinnert sie sich heute. Mitten im Leben war das Annehmen eines Zustands, der nicht mehr veränderbar ist, keine Option für sie.
Sie spürte zwar, dass etwas nicht stimmte, wollte die Situation aber zunächst auf ihre eigene Weise verstehen und beeinflussen. Die vorgeschlagene Kortisontherapie wollte sie deshalb vorerst nicht beginnen.
Stattdessen entschied sie sich für einen Aufenthalt in einer spezialisierten Klinik, wo Ernährung, Osteopathie und andere unterstützende Massnahmen im Mittelpunkt standen.
«Ich wollte zuerst alles versuchen, was ich selbst beeinflussen konnte.»
Heute beschreibt sie diese Phase nicht als Ablehnung der Medizin, sondern als den Versuch, ihren eigenen Weg zu finden. Sie wollte verstehen, was mit ihrem Körper geschah und welche Möglichkeiten sie selbst hatte.
Der Arzt, der zuhörte
Nach dem Klinikaufenthalt lernte Magda einen neuen Gastroenterologen kennen. Diese Begegnung wurde für ihren weiteren Weg entscheidend.
Der Arzt nahm sich Zeit, hörte zu und ging auf ihre Anliegen ein. Er wusste, dass die Familienplanung für sie wichtig war. Er wusste auch, dass sie Ernährung und andere unterstützende Massnahmen in ihre Behandlung einbeziehen wollte.
Zum ersten Mal hatte Magda das Gefühl, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen wurden.
Eine erneute Darmspiegelung brachte schliesslich Klarheit: Es handelte sich um Colitis ulcerosa, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, die den Dickdarm betrifft.
Gemeinsam mit ihrem Arzt entschied sie sich für eine vorübergehende Kortisontherapie mit anschliessender Therapie mit Mesalazin, einem entzündungshemmenden Medikament, das die Darmschleimhaut gezielt behandelt und Rückfällen vorbeugen kann, allerdings in einer deutlich niedrigeren Dosierung als ursprünglich vorgeschlagen. Diese Therapie wirkte schnell und reichte vollends aus. Für Magda war das ein entscheidender Moment. Nicht nur wegen der Behandlung selbst, sondern weil sie das Gefühl hatte, ernst genommen zu werden und mitentscheiden zu können.
Die Beschwerden besserten sich rasch. Seither reguliert sie die Einnahme vom Mesalazin selbst und kennt die Anzeichen, welche eine Anpassung der Dosierung brauchen sehr gut.
Die Zügel in der eigenen Hand behalten
Die Diagnose blieb. Doch mit der Zeit veränderte sich der Umgang damit. Magda begann genauer auf ihren Körper zu hören. Sie lernte, Warnzeichen früh wahrzunehmen und ihren Alltag bewusster zu gestalten.
Stressmanagement wurde für sie ebenso wichtig wie die medizinische Behandlung.
Rückblickend sieht sie heute einen möglichen Zusammenhang zwischen ihrem ersten Krankheitsschub und einer besonders belastenden Lebensphase. Damals bestimmten beruflicher Druck, wenig Bewegung, unregelmässige Ernährung und viel Kaffee ihren Alltag.
Ob dies tatsächlich die Krankheit ausgelöst hat, lässt sich nicht sagen. Die genauen Ursachen von Autoimmunerkrankungen sind bis heute nicht vollständig geklärt. Bekannt ist jedoch, dass meist mehrere Faktoren zusammenkommen.
Für Magda wurde diese Erkenntnis wichtig: Nicht alles lässt sich kontrollieren. Aber vieles lässt sich beeinflussen.
Sie integrierte neue Gewohnheiten in ihr Leben, achtete bewusster auf Erholung und fand mit Sport eine Möglichkeit, die ihr nicht nur körperlich, sondern auch mental guttut. Auch unterstützende Massnahmen wie Kolostrum gehören heute zu ihrem persönlichen Selbstmanagement. Kolostrum, die sogenannte Vormilch, die Säugetiere in den ersten Tagen nach der Geburt produzieren, enthält zahlreiche Immunstoffe. Magda nimmt Kolostrum seit mehreren Jahren ergänzend ein und erlebt dies als hilfreichen Bestandteil ihres persönlichen Selbstmanagements. Die Wirksamkeit solcher ergänzenden Massnahmen kann individuell unterschiedlich sein und ersetzt keine ärztlich empfohlene Behandlung.
Fast zwanzigJahre später
Heute lebt Magda seit beinahe zwanzig Jahren mit ihrer Erkrankung.
Kontrolluntersuchungen braucht sie nur noch selten. Schwere Schübe hat sie seit vielen Jahren nicht mehr erlebt.
Sie hat gelernt zu akzeptieren, dass ihre Erkrankung sie zwar ein Leben lang begleiten wird, sie aber dennoch ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Aber es muss nicht bedeuten, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren.
Für sie begann mit der Diagnose ein Lernprozess, der bis heute andauert: den eigenen Körper besser kennenzulernen, seine Signale ernst zu nehmen und früh zu reagieren, Therapieentscheidungen aktiv mitzugestalten und Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen.
Was bleibt
Diese Geschichte zeigt, dass chronische Erkrankungen viele Gesichter haben. Sie zeigt aber auch, wie wichtig Vertrauen, Information und Selbstmanagement sein können.
Nicht jede Betroffene erlebt denselben Verlauf. Nicht jede Behandlung wirkt gleich. Und nicht jede Antwort findet sich sofort.
Was Magda geholfen hat, war die Bereitschaft, Fragen zu stellen, auf den eigenen Körper zu hören und ihren Weg aktiv mitzugestalten.
Ihre Geschichte erinnert daran, dass hinter vielen Diagnosen Menschen stehen, die ihren Alltag, ihre Zukunftspläne und ihre Lebensqualität neu ordnen müssen.
Genau solche Geschichten begegnen der SPO immer wieder. Sie zeigen, dass Patient:innen nicht nur medizinische Informationen brauchen, sondern auch Orientierung, Vertrauen und die Möglichkeit, ihre eigenen Bedürfnisse in die Behandlung einzubringen. Denn gute Medizin entsteht dort, wo Fachwissen und die Perspektive der Betroffenen zusammenfinden.
* Name von der Redaktion geändert
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